Wettbewerb Das begehbare Relief

Wettbewerb Das begehbare Relief Finanzamt Bozen

Erfahrbare Geschichte als unmittelbare Reflexion im öffentlichen Raum

Beitrag zum Ideenwettbewerb für das Duce Relief am Bozner Gerichtsplatz.

Simon Prossliner und Lorenz Brugger

Südtirol pflegt einen verkrampften Zugang zu seiner jüngeren Geschichte. Zahlreiche Bauten aus der nahen Vergangenheit sind einerseits architektonische Zeitzeugen mit unleugbarem historischem Wert und zugleich politische Symbole, welche nach wie vor polemisieren. Vielfach fehlt der differenzierende Kontext oder aber er versteckt sich in unklaren Worten oder unscheinbaren Hinweistafeln; was wiederum politischer Provokation Tür und Tor öffnet.

Wettbewerb Das begehbare Relief
Gerichtsplatz mit Finanzgebäude

Das Konzept der begehbaren Geschichte zielt darauf ab, Vergangenheit unmittelbar erfahrbar zu machen sowie ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen. Auf diese Weise soll ehemals in Stein gemeißelten Machtansprüchen durch moderne Architektur, Design oder städtebauliche Maßnahmen ihr Reiz genommen, ihr architektonischer Wert jedoch erhalten werden.

Wettbewerb Das begehbare Relief

Wettbewerb Das begehbare Relief

Wettbewerb Das begehbare Relief
Der Gerichtsplatz mit Finanzgebäude und Gerichtsgebäude. Das Piffrader Relief, 36m lang und 5,5m hoch, ist wahrscheinlich das größte seiner Art

Diese Neugestaltung des Reliefs von Hans Piffrader erlaubt eine Einbindung politischer Symbole von gestern in ein Stadtbild von heute; im Kontext einer interaktiven Musealisierung im öffentlichen Raum ohne trockenen Beigeschmack. Darüber hinaus böte es sich an, mit Hilfe neuer Medien, wie beispielsweise dem Internet oder Smartphones die historischen Orte zu vernetzen und dem Bürger auch in Form eines digitalen Stadtplanes näher zu bringen. So werden die Grenzen zwischen Museum und öffentlichem Raum aufgehoben und Vergangenheit jederzeit und überall abrufbereit. Dazu müsste lediglich auf die bereits von Martha Verdorfer (Bozen. Wege zwischen Architektur und Faschismus) und Carla Giacomozzi (Bozen. Routen 1943-1945) ausgearbeiteten Themenrouten zurückgegriffen werden.

Das Finanzamt und die Idee des begehbaren Reliefs

Für das Bozner Finanzamt (1939-1942 als “Casa del Fascio” errichtet) mit seinem enormen Fries, dessen letzte Tafeln erst 1957 montiert wurden, biete sich ebenjenes Konzept erfahrbarer Geschichte in Form eines „begehbaren Reliefs“ besonders an. Durch eine moderne Struktur wird der politische Bedeutungszusammenhang neu definiert und das einstige Symbol faschistischer Allmachtsphantasie in einen begehbaren Zeitzeugen verwandelt. Der Fries wird zu einem Freiluftmuseum im öffentlichen Raum. Durch die Rampen wird das Finanzamt mit seinem urbanen Umfeld verbunden und durch klare Linien in dieses integriert. Die Rampen erfüllen dabei einerseits die Funktion den weithin sichtbaren propagandistischen Affront zu kaschieren und somit neutral zu entschärfen, anderseits öffnen sie das Monument bei näherer Betrachtung einer kritischen Auseinandersetzung.

Wettbewerb Das begehbare Relief
Vom unkommentierten Status zum begehbaren Relief

Durch den begrenzten Eingriff bleibt der Fries unangetastet und das Gebäude weitgehend in seinem aktuellen Zustand erhalten, so dass die Rampe als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft wirkt und somit im Geiste des 21. Jahrhunderts zur gemeinsamen Reflexion anregt.

Eine sehenswerte Dokumentation über die Entstehungsgeschichte, Aufbau und Details des Reliefs findet sich hier.

Wettbewerb Das begehbare Relief
Wegverlauf

Die Architektur

Der Bürger wird durch die Veränderung der Fassade auf das Gebäude aufmerksam gemacht. Die Rampen laden den Interessierten oder auch einfach nur Neugierigen zu einer näheren Auseinandersetzung ein. Durch das Hauptportal gelangt der Betrachter in den Innenhof des Gebäudes, über die vorhandene Treppenanlage in das erste Geschoss. Im Inneren des Gebäudes, an der Rückseite der Reliefwand, findet sich eine verkleinerte Darstellung des Kunstwerkes. Sie dient dazu, die auf dem Piffrader -Relief dargestellten Szenen im Detail zu beschreiben und Informationen bereitzustellen. Es ist der Versuch, die Betrachter für die oft verworrene politische Gegenwart Südtirols und dessen, von politischen Extremen geprägte Vergangenheit durch eine kritische Reflexion zu sensibilisieren.

Wettbewerb Das begehbare Relief

Der Besucher läuft anschließend über die Rampenkonstruktion das Relief ab und kann sich aus nächster Nähe damit auseinandersetzen. Am Ende dieses Weges liegt ein Aussichtspunkt, der zum Verweilen und Nachdenken in einer von faschistischer Architektur geprägten Stadtkulisse einlädt. Auf Grund der zentralen Lage des Finanzamtes bietet es sich an, von hier aus, anhand eines Stadtplanes, einen kartographischen Überblick über das architektonische Erbe des Faschismus zu geben.

Das Begehbare Relief als PDF (zweisprachig, deutsch und italienisch)