Wie wollen wir leben?

Das Wesen des Einkaufszentrums: eine andernorts bereits bestehende Stadtstruktur wird im Inneren simuliert und in der Folge konsequent ersetzt.

Die Diskussion über ein neues Kaufhaus in der Südtiroler Hauptstadt Bozen hat mit der öffentlichen Bürger-Debatte ihren Höhepunkt erreicht. Trotz der doch zahlreichen Besucher und einer Video-Aufzeichnung der Vorträge sollte die Auseinandersetzung mit  Einkaufszentren nicht abbrechen, denn sie ist aktueller denn je, nicht nur in Südtirol, sondern in ganz Europa. Doch beginnen wir am Ursprung dieser bemerkenswerten Erfolgsgeschichte.

Was ist eigentlich ein Kaufhaus?

Sprechen wir über Kaufhäuser, meinen wir oft auch Einkaufszentren. Doch eine etwas nähere Betrachtung offenbart einige wesentliche Unterschiede, die das traditionsreiche Kaufhaus vom heute bekannten Einkaufszentrum unterscheidet. Um sie zu verstehen, muss man weit in die Geschichte des Handels zurück blicken.

Von den Anfängen bis zu den herrschaftlichen Passagen

Diese Geschichte beginnt mit der Geschichte der Zivilisation. Wir als Gesellschaft hatten immer schon Orte in der Stadt, wo der Handel sich konzentrierte. In Bozen ist dies der Obstplatz als zentraler Ort des Handels und Austausches. Überall gab und gibt es diese Orte. Im 18. Jahrhundert entstehen die ersten Passagen bzw. Galerien, die einen ganzjährig voll nutzbaren, jedoch halböffentlichen Raum generieren. Es waren die privaten Kaufleute, die neue, kürzere oder angenehmere Verbindungen innerhalb der Stadt bauen und diesen privaten Raum als Durchgang ausbilden ließen. Sie inszenierten diesen Weg bewusst als öffentlichen Raum.

Dabei entstand die Idee der Warenpräsentation, auf eine völlig andere Art und Weise wie zuvor. Anstatt hastig, feilschend und mit Zwang einkaufen zu gehen, konnten Menschen, die durch die Passage flanierten oder sie einfach als Abkürzung benutzten, die Waren nun in aller Ruhe begutachten. Die Passagen, waren ideale Räume zu flanieren, bummeln, verweilen oder einfach durchlaufen, in ihrer Grundfunktion waren sie immer transitorischer Natur. Sie waren also immer stark in das Stadtgefüge eingebunden.

Das Warenhaus: Ort für die Massen

Mit der aufkommenden Tendenz der Massenproduktion in der Mitte des 19. Jahrhunderts, lösten die Warenhäuser die Passagen ab. Sie wurden konzipiert, um allen Gesellschaftsschichten möglichst viel und billige Waren zu Festpreisen anzubieten. Sie erfüllten ein aus einem gesellschaftlichen Wandel heraus kommendes Bedürfnis nach demokratisch organisiertem Handel. Eine Passage konnte und wollte dies nicht leisten.

Wer einkauft, der ist jemand!

Aus anfangs monotonen Hallen wurden später vor allem in Paris und Berlin, aber auch in Amerika und Asien herrschaftliche und mit Absicht palastähnliche Mega-Warenhäuser entworfen und gebaut, die das Konsumverhalten unserer Gesellschaft grundlegend ändern sollten: Einkaufen wird plötzlich zur Freizeitbeschäftigung und wird ein fixer Bestandteil städtischen Lebens. Es ist die Zeit in der Waren erstmals über alle Klassen hinweg einen ästhetischen Wert erlangen; sie beginnen die Identität und die eigene Bedeutung des Individuums widerzuspiegeln, anders gesagt: wer shoppt der ist jemand, und das bereits in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am Höhepunkt ihrer Zeit waren die Warenhäuser, mittlerweile werden sie auch Kaufhäuser genannt, die Knotenpunkte des Lebens der Stadt.

Die Mall

Jedoch, auch die Kaufhäuser konnten sich mit ihrem ausladenden, schwerfälligen Charakter nicht bis heute halten. Sie lebten vor allem vom Fußvolk und der Anbindung durch den öffentlichen Nahverkehr. Eine entscheidende Entwicklung sollte der Anfang vom Ende der Kaufhäuser werden.

Mit der aufkommenden Mobilisierung der Massen Anfang des 20. Jahrhunderts wanderte in den USA die reiche Mittel- und Oberschicht in die Außenbezirke von Städten ab. Die darauf folgende Zersiedelung ließ die Innenstädte zunehmend verwahrlosen und verarmen. Die zündende Idee von dem Begründer der heutigen Mall Victor Gruen war, ein wirtschaftlich optimiertes Stadtzentrum für die Bewohner dieser Vorstädte zu planen. Also das, was die europäische Stadt über Jahrhunderte aufbaute und pflegte sollte in Amerika nun die Vorstädte zum Blühen bringen: fußgängerfreundlich, mit sozialen und kulturellen Nutzungen, Bürger- und Bildungseinrichtungen und natürlich Geschäften. Das Ganze überdacht und klimatisiert, also wiederum ganzjährig nutzbar.

Den urbanen Mangel amerikanischer Vorstädte im Inneren einer Mall künstlich erzeugen

Aus dieser eigentlich sinnvollen Idee entwickelte sich eine künstliche Welt des Konsums. Über die Jahrzehnte wurden daraus die uns bekannten Malls, die immer stärker versuchten, einen urbanen Mangel der amerikanischen Vorstädte in ihrem Inneren durch artifizielle, halböffentliche Räume zu kompensieren.

Das ist das Wesen eines Einkaufszentrums und einer der grundlegenden Unterschiede zu einem Kaufhaus. Das Einkaufszentrum grenzt sich in der Folge paradoxerweise nach außen hin ab und konstruiert in seinem Inneren einen urbanen Raum, der so durchgeplant ist, dass Besucher möglichst lange dort verweilen. Im starken Gegensatz zu den Passagen und Kaufhäusern.

Europa macht es nach

Diese Entwicklung macht auch vor Europa keinen Halt. Nur hier ist im Gegensatz zu den toten, suburbanen, flächigen Städten in Amerika, die kompakte mittelgroße Stadt die prägende Struktur. Während in den USA Malls teilweise sogar notwendig waren um die Versorgung der reinen Wohngebiete zu bewerkstelligen, waren die Städte Europas was ihre Versorgung anging prinzipiell intakt. Die in den 1960er und 1970er Jahren entstehenden Einkaufszentren hatten von daher einen starken Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Städte:

  • sie zogen die auto-orientierten Kunden an, in der Zeit wo die individuelle Mobilität stark anstieg. Die Einkaufszentren begünstigten maßgeblich die Autostadt.
  • die Gassen der teils mittelalterlichen Innenstädte sind äußerst schlecht für die Präsentation von internationalen Produkten und groß angelegten Marketingstrategien geeignet, da Sie zu eng und unübersichtlich sind. Das Einkaufszentrum kann dies viel besser und so werden dort jene Waren angesiedelt, die von einer globalisierten Gesellschaft so begehrt werden.

Was diese Einkaufszentren in der Folge besonders gut umsetzen ist folgendes: Das Erlebnis „Einkaufen“, das seit den Passagen und Warenhäusern zum Ausdruck des Verlangens nach Erfüllung, Identität und Sichtbarkeit innerhalb der Gesellschaft geworden ist, setzen Sie perfekt um. Einkaufen als Erlebnis und als Selbstbestätigung hat einen derart großen Reiz auf uns als Gesellschaft, dass wir diesem komplett verfallen. Shopping wird endgültig zu einem Erlebnis erklärt und zur teilweise einzigen Freizeitbeschäftigung.

Einkaufen als Erlebnis und als Selbstbestätigung hat einen derart großen Reiz auf uns als Gesellschaft, dass wir diesem komplett verfallen.

Ein lesenswertes Buch über die Entstehungsgeschichte der Kaufhäuser: Alles was das Herz begehrt (Birgit Adam, Gerstenberg Verlag)

Wir funktioniert eine moderne Mall

Das ist die grundlegende Gefahr, die sich hinter Einkaufszentren verbirgt. Sie wird noch deutlicher wenn man sich die Struktur von Center-Betreibern anschaut: ein zentrales Marketing plant und steuert die Außenwirkung und die Inszenierung, um das Einkaufszentrum selbst bereits als Marke zu etablieren, es wird ein Image kreiert. Das Warenhaus oder eben das Kaufhaus hat sich hingegen selbst nur begrenzt vermarktet, es hat hauptsächlich die Waren vermarktet, die es anbietet. Das tun im EKZ nur die Mieter der Räume, die das mit ihrem Corporate Design so oder so machen.

Dem Einkaufszentrum geht es darum, sich selbst als einzigartigen Ort zu etablieren und zu vermarkten, mit all seinen Shoppingerlebnissen und regelmäßigen Veranstaltungen, die deswegen stattfinden. Während ein Kaufhaus im städtischen Leben einer Stadt verankert ist, weil es sich aus diesem heraus entwickelt, ist das Einkaufszentrum ein implantierter Körper. Es schafft sich eine eigene Welt innerhalb seiner Mauern, kapselt sich ab und genügt sich selbst.

Während ein Kaufhaus im städtischen Leben einer Stadt verankert ist, ist das Einkaufszentrum ein implantierter Körper

Diese Beobachtungen kann man in vielen europäischen Städten machen, auch in der Schwabenmetropole Stuttgart, wenn man sich in einem der Zentren in der Region befindet: ob es das Einkaufszentrum in einem Vorort oder eines der drei in der Innenstadt ist: sie alle bieten die gleiche Atmosphäre, die gleichen Erlebnisse, die gleichen Geschäfte. Es erstaunt einen jedes mal, wie sehr ein Einkaufszentrum seine Umgebung ausblenden kann, da helfen der Umgebung angepasste Fassaden genauso wenig wie eine Nutzungsmischung mit Wohnen und Büros, denn die Mischung findet nicht wirklich statt. Die einzelnen Nutzungen werden immer konsequent voneinander getrennt. Niemand möchte seinen Hauseingang inmitten eines Einkaufszentrums suchen müssen.

Am Ende geht es um das Wesen des Einkaufszentrums: dieses ist eine andernorts bereits bestehende echte Stadtstruktur in seinem Inneren zu simulieren und sie in der Folge zu ersetzen. Dies hat in der europäischen Stadt fatale Folgen: wir verkünstlichen unser eigentlich bereits vorhandenes städtisches Leben.

Das EKZ stellt uns also vor die essentielle Frage: wie wollen wir eigentlich leben? Wollen wir unser Leben in künstlich erschaffenen , überwachten Welten verbringen oder wollen wir nicht doch lieber in einem gewachsenen, offenen und für jeden zugänglichen Raum leben?

Dieser Artikel wurde in geänderter Form sowohl in Form eines Vortrages als auch online publiziert

Salto.bz

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